Religion und Politik strikt trennen

07/03/2012

Missionsverbot, Übergriffe radikaler Siedler auf Kirchen, die Last der Kirchengeschichte: Israel tut sich nicht leicht mit dem Christentum – Ein Gespräch mit dem Lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Fouad Twal. Von Oliver Maksan (Die Tagespost)


Eure Seligkeit, immer wieder beschweren sich katholische Geistliche in Israel, dass ultra-orthodoxe Juden vor Ihnen ausspuckten. Ist diese Form des Anti-Katholizismus repräsentativ für das Land?

Es sind nicht so sehr anti-katholische, sondern ganz allgemein anti-christliche Vorurteile. 120307 israel_graffiti.jpgDenken Sie an die jüngsten Graffiti-Anschläge auf eine orthodoxe und eine baptistische Kirche in Jerusalem. Die wurden wahrscheinlich von radikalen Siedlern ausgeführt, die nicht zwischen Katholiken und anderen christlichen Konfessionen unterscheiden. An die baptistische Kirche haben sie deshalb auch geschrieben „Tod den Christen“. Das gilt uns allen. Insofern sitzen wir Christen hier im Heiligen Land alle im selben Boot. Tatsächlich erleben unsere Geistlichen, aber auch Armenier und Orthodoxe, im Alltag häufig, was Sie eingangs genannt haben – sowohl als Einzelne, aber auch während der Prozessionen durch die Jerusalemer Altstadt etwa zur Grabeskirche. Ich habe darüber mit dem Oberrabbinat Israels gesprochen. Sie verurteilen, was manche Siedler und Ultra-Orthodoxe tun. Entschuldigung und Verurteilung sind aber nicht genug. Die jüdische Seite muss fragen, woher dieses Verhalten stammt, etwa vor einem Priester auszuspucken. Meiner Meinung nach liegt es in der Erziehung begründet. In den Religionsschulen wird den jungen Leuten dieses Verhalten beigebracht.

Was hat das Oberrabbinat dazu gesagt?

Sie haben mir recht gegeben. Aber es wird sich nichts ändern. Man muss fairerweise aber sagen, dass es auch positive Beziehungen zum Judentum gibt. So sind wir in einem Rat der Religionen organisiert. Und es waren doch einige Rabbiner, die die genannten Schmierereien an Kirchen als erste verurteilt haben. Aber wir Christen vergessen nicht, dass unser Herr selbst in Jerusalem gelitten hat und verspottet wurde. Warum sollte es uns besser als ihm ergehen?

Aber ist angesichts der jüdisch-christlichen Geschichte – spanische Inquisition, Pogrome, Zwangsbekehrungen – nicht verständlich, dass viele von Israels Juden Christen misstrauen, wenigstens latent?

Aber sie misstrauen doch jedem! Sie haben Angst vor der Vergangenheit, der Gegenwart, der Zukunft. Sie bringen schon ihren Kindern diese Furcht bei. Deshalb schauen sie auch das Kreuz nicht an und spucken vor ihm aus. Man kann nicht nur in der Vergangenheit leben. Juden haben gelitten, Christen aber auch. Sicher, der Holocaust war schrecklich. Aber vergessen Sie nicht, dass es zunächst katholische Polen waren, die den antichristlichen Nazis zum Opfer gefallen sind. Wir beten für alle Opfer. Aber man sollte in die Zukunft blicken und sich um Dialog und Verständigung mühen. Ich wünsche mir, dass eines Tages jüdische, christliche und moslemische Kinder zusammen leben können und eine gemeinsame Zukunft haben. Leider sieht es danach im Moment nicht aus.
„Ich wünsche mir, dass eines Tages jüdische, christliche und moslemische Kinder zusammen leben können und
eine gemeinsame Zukunft haben. Leider sieht es danach im Moment nicht aus“
(...)

Christliche Zionisten sehen im heutigen Staat Israel ein Zeichen der Bundestreue Gottes gegenüber seinem Volk. Teilen Sie als katholischer Bischof von Jerusalem dieses theologische Konzept?

Nein. Der Staat Israel ist ein Staat von vielen in der internationalen Staatengemeinschaft. Er ist an das Völkerrecht gebunden. Seine Existenz als solche hat nichts mit der Bibel zu tun. Wenn wir damit anfangen, kommen die Moslems mit dem Koran und so weiter. Das führt doch zu nichts als Unfrieden. Man muss Religion und Politik hier strikt trennen. Die Christlichen Zionisten tun das nicht. Wir Katholiken schon.

Neben dieser bedingungslosen, theologisch motivierten Unterstützung Israels missionieren die Christlichen Zionisten aber auch Juden. Wie steht die katholische Kirche im Heiligen Land zur Judenmission?

120307 israel_schools.jpgMission ist in Israel ja gesetzlich verboten, weil es als Angriff auf den jüdischen Charakter des Staates verstanden wird. Die Christlichen Zionisten werden für ihre Missionsarbeit ja auch gehasst. Das Land will nicht evangelisiert werden. Wir Katholiken geben Zeugnis durch unsere pastorale und soziale Arbeit, durch unsere karitativen Institutionen, durch unsere Schulen und Universitäten. Viel mehr können wir nicht tun. Das schließt aber Konversionen im Einzelfall nicht aus.

Dennoch wächst die Zahl der Katholiken in Israel. Vor allem Gastarbeiter von den Philippinen und aus Indien tragen dazu bei.

Das ist richtig. Sie sind unsere Brüder und wir kümmern uns um sie. Wir helfen ihnen bei ihren120307 israel_nieuwe christenen.jpg konsularischen und humanitären Problemen. Oft ist ja etwa ihr Aufenthaltsstatus unsicher. Etwa acht Seelsorger sind für die katholischen Migranten im Einsatz. Zwar können wir keine Seelsorge in ihrer Muttersprache anbieten. Aber mit Englisch kommen wir zurecht. Und weil die Kinder der katholischen Einwanderer in israelische Schulen gehen, ist die Muttersprache der jungen Generation hebräisch. Wir haben für sie schon eigene Religionsbücher entwickelt. Uns freut dieser Zuzug natürlich. Er zeigt, dass auch künftig Christen im Heiligen Land leben werden, auch wenn leider viele alteingesessene Christen wegziehen.

 

Ein Gespräch mit dem Lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Fouad Twal. Von Oliver Maksan