Irakischer Erzbischof: „Christen wollen nur noch weg“

31/08/2009

Nach Ansicht des irakischen Erzbischofs Louis Sako aus Kirkuk im Norden des Irak ist die 090831 Louis_Sako LR.jpgZukunft des Christentums in seiner Heimat aufs Äußerste bedroht. Wie er in einem Telefoninterview mit dem internationalen, katholischen Hilfswerk KIRCHE IN NOT schilderte, habe er aufgrund der anhaltenden, angespannten Sicherheitslage nur noch wenig Hoffnung auf eine Verbesserung der Lage der Christen im Irak.

Sie seien ein leichtes Ziel für kriminelle Gruppierungen, da die Christen eine kleine Minderheit ohne großen Rückhalt in der Bevölkerung seien. Der Bischof wirft den staatlichen Sicherheitskräften vor, dass die Christen von ihnen nicht geschützt würden. Generell sei das Sicherheitssystem im Irak "unwirksam und unprofessionell".

Daher halte der Exodus der Christen weiter an. Im südlichen Irak gibt es nach Einschätzung von Sako nur noch 300 christliche Familien. Die Gesamtzahl der Christen im Irak sei auf unter 400 000 gesunken, allein in den letzten zehn Jahren hätten 750 000 Christen das Land verlassen. "Die Christen haben einfach nur noch Angst. Was immer wir ihnen auch sagen, um sie zum Bleiben zu bewegen: sie wollen einfach nur noch weg", sagte er wörtlich.

Allein im letzten Monat gab es sieben Anschläge auf christliche Kirchen in Bagdad, bei denen 090831 aanslag 090811 khazna.jpgmehrere Menschen getötet und Dutzende verletzt wurden. Bei einer Anschlagsserie in der Hauptstadt kamen in der vergangenen Woche fast einhundert Menschen ums Leben, mehr als fünfhundert wurden verletzt. Es waren die bislang schwersten Anschläge nach dem Rückzug der amerikanischen Truppen aus den Städten.

"Regierungsstellen und Polizei tun zwar ihr Möglichstes, aber sie bekommen die Lage im ganzen Land nicht unter Kontrolle. Jeden Tag explodieren Bomben: in Bagdad, Mossul und vielen anderen Orten. Wir erleben schlechte Zeiten. Kriminelle Gruppen sind aktiv wie nie zuvor", erläutert Erzbischof Sako.

Neben der mangelnden Sicherheit im Land seien es aber auch wirtschaftliche Gründe, die die Christen zum Auswandern bewegten. In den Dörfern im Norden des Irak, in die zahlreiche Christen aus den Städten geflohen sind, gebe es keine Arbeitsplätze oder Versorgungseinrichtungen. Daher verließen viele Christen diese Region wieder. Allerdings fürchteten sie sich gleichzeitig vor einer Rückkehr in die großen Städte, wie etwa nach Mossul.

Im Hinblick auf die einheimischen Politiker seien die Menschen mit ihrer Geduld am Ende. Deswegen appelliert Erzbischof Sako an die westlichen Staaten, größeren Druck auf die politischen Parteien im Irak auszuüben, damit sie sich stärker für eine Versöhnung zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen einsetzen und Recht und Ordnung wiederherstellen.

Für ein friedliches Zusammenleben unverzichtbar sei auch die interreligiöse Zusammenarbeit 090831 Louis_Sako.jpgzwischen Christen und Muslimen. So lädt Erzbischof Sako im laufenden Fastenmonat Ramadan Muslime und Christen zu einem gemeinsamen Abendessen ein. Leider, so Sako, würden derartige interreligiöse Initiativen in anderen Landesteilen bislang nur selten aufgegriffen. Es seien zurzeit oft noch Einzelpersonen, die hier aktiv seien. Damit sich die Einstellung gegenüber Minderheiten aber wirklich ändere, müssten sich größere Gruppen beteiligen. Deswegen fordert Erzbischof Sako eine engere Zusammenarbeit von führenden Kirchenvertretern und christlichen Politikern, um die Probleme zu lösen, von denen sie gemeinsam betroffen sind.

J.Pontifex

Erzbischof Louis Sako aus Kirkuk