07/05/2009
„Kirche in Not“-Länderreferentin Marie-Ange Siebrecht ist am vergangenen Sonntag von einer Reise nach Israel und in die Palästinensergebiete zurückgekehrt. In einem Interview mit KIRCHE IN NOT berichtet sie über ihre Eindrücke aus dem Heiligen Land in der Vorwoche des Papstbesuches.
Frau Siebrecht, was ist im Heiligen Land von den Vorbereitungen auf den Besuch des Heiligen Vaters zu spüren?
Die einzelnen Kirchen sind sehr mit der Vorbereitung beschäftigt. Natürlich freuen sich die Christen auf das Kommen des Heiligen Vaters. Man sieht zum Beispiel viele Plakate, die den Besuch des Papstes ankündigen. In Nazareth wird sogar eine Art Amphitheater gebaut, in dem die Messe mit dem Papst stattfinden wird. Auch in Bethlehem war schon etwas errichtet – im Flüchtlingscamp von Aida, das der Papst auch besuchen wird. Nur war die Bühne den Verantwortlichen wohl zu nahe an der Mauer, die das Heilige Land trennt, also wurde sie wieder verlegt. Sie sehen, es gibt noch viele kleine Probleme, aber die Leute vor Ort arbeiten zuversichtlich weiter und hoffen auf ein gutes Gelingen der Reise.
Wird jeder Christ, der den Heiligen Vater sehen will, auch die Möglichkeit dazu bekommen?
Nein, wahrscheinlich nicht. Auf alle Fälle nicht die Menschen in Gaza und nicht die Menschen in Bethlehem. Aber zumindest zu letzteren kommt der Papst ja noch direkt. Aber um die großen Messen in Nazareth oder Jerusalem zu besuchen, werden viele nicht die Erlaubnis bekommen.
Gerade unter den Christen aus Gaza waren nach dem Krieg um die Jahreswende auch Stimmen laut geworden, die daran zweifelten, ob es denn der richtige Zeitpunkt für einen Papstbesuch sei. Wie sehen Sie das?
Nun, wann ist überhaupt ein „richtiger Zeitpunkt“ für einen Papstbesuch im Heiligen Land? Das ist die große Frage. Es gibt immer irgendwas, was in dieser Region nicht stimmt. Ich kann nur sagen, was ich gesehen und gehört habe: Die Leute erwarten im Großen und Ganzen viel von diesem Papstbesuch. Vielleicht sogar zu viel. Denn der Papst wird sicher nicht alle Probleme lösen.
Was genau erwarten die Menschen und was kann der Papst denn wirklich erreichen?
Der Papst kann eigentlich nur guten Willen zeigen und versuchen, mit den politischen und kirchlichen Verantwortlichen zu sprechen. Aber aus Erfahrung weiß ich, wie mühsam das in Israel ist. Außerdem will er vor allem als Pilger ins Heilige Land reisen. Er will auch den Menschen sagen: „Ich bin bei Euch!“ Aber was kann er schon groß verändern? Er kann diese schreckliche Mauer durch seinen Besuch wohl kaum niederreißen und auch nicht die Probleme, die es zwischen dem Vatikan und dem Staat Israel gibt, aus der Welt schaffen. Aber es ist schon ein wichtiges Zeichen, dass er kommt. Ich bin neugierig, was er sagen wird. Welche Zielrichtungen seine Ansprachen haben werden müssen wir abwarten. Auch, um zu sehen, wie die Menschen ihn empfangen werden. In dieser Hinsicht ist auch im Heiligen Land alles noch recht nebulös im Moment.
Weniger nebulös ist die Lage der Kirche vor Ort, die haben Sie auf ihrer Reise in den vergangenen Wochen hautnah erlebt. Welche Begegnungen hatten Sie auf Ihrer Reise?
Ich habe natürlich hauptsächlich Projektpartner von „Kirche in Not“ besucht. Zum Beispiel war ich in Galiläa, wo die Lage der Christen verglichen mit der in der Westbank, also mit der Gegend um Bethlehem, natürlich viel besser ist. Trotzdem gelten diese Menschen in Israel als Menschen zweiter Klasse, das heißt sie haben nicht die Freiheit, die andere Israelis haben. Sie dürfen nicht in gleicher Weise reisen wie andere israelische Staatsbürger. Es leben aber trotzdem immer noch 73.000 griechisch-katholische Christen in Galiläa, das ist nicht gerade wenig! Und die Gemeinden sind sehr lebendig. Dort engagieren sich die Menschen, um die Gemeinden am Leben zu erhalten. Das ist mir besonders positiv aufgefallen. Denn das war nicht nur ein „Bitte gebt!“, das man dort gehört hat. Die Menschen hoffen zwar, dass „Kirche in Not“ hilft, aber sie sind auch bereit, ihren Teil dazu beizutragen, damit die Hilfe auch Frucht bringt. Und dieser Beitrag der Christen vor Ort ist bei weitem kein kleiner Teil.
Und wie waren Ihre Eindrücke in der Gegend von Bethlehem in der Westbank?
Dort habe ich die größten Probleme vor allem in Bethlehem selbst erlebt. Die Menschen leben dort wegen der Mauer wie im Gefängnis! Sie können nicht hinein, nicht heraus. Sie fühlen sich wie Gefangene und sie sind es auch! Die ganze Problematik wird gerade bei jungen christlichen Paaren deutlich. Ein junger Mann hatte zum Beispiel einen Personalausweis für Jerusalem und konnte dort arbeiten. Aber seine Frau durfte Bethlehem nicht verlassen, um bei ihm zu leben. Er darf seinerseits auch nicht in Bethlehem wohnen. Das Ergebnis dieser Situation ist natürlich, dass alle versuchen, das mit falschen Papieren zu umgehen. Diese Leute leben alle mit der Angst, ob sie am Abend eines Tages überhaupt nach Hause kommen dürfen, oder ob ihre Familienmitglieder von der Arbeit oder von Besuchen zurückkehren dürfen. Es ist wirklich sehr schwer für die Christen in der Region um Bethlehem – es ist ein riesiger Berg, der auf den Schultern dieser Menschen lastet. Wir Mitteleuropäer, die wir das Heilige Land besuchen, verstehen das nicht und bemerken es auch nicht. Denn wir dürfen überall hin, und die Strecke von Bethlehem nach Jerusalem ist für Ausländer ein Katzensprung. Aber für die Palästinenser – und die meisten Christen im Heiligen Land sind Palästinenser – ist das ein gewaltiges Problem.
Diese schlechten Lebensumstände der Christen sind schon lange bekannt. Ist Ihrer Einschätzung nach irgendeine Bewegung in Sicht, dass den Menschen dieser Berg von den Schultern genommen wird? Kann der Papst hier vielleicht etwas bewirken?
Wir hoffen, dass der Papst dieses Problem ansprechen wird. Meiner Ansicht nach wird und
muss das auch ein Schwerpunkt seiner Gespräche und Ansprachen sein. Nur was soll man tun, wenn die Gespräche zu keinem befriedigenden Ergebnis führen? Es geht ja unter anderem auch um die Visa-Regelungen für katholische Orden, für die Priester, Schwestern und Ordensleute. Es ist sehr viel Arbeit für Seelsorger, überhaupt ein Visum zu bekommen. Außerdem gibt es eine Diskussion darüber, dass der Staat Israel von der Kirche Steuern verlangen will. Ich habe mit mehreren Juden in Israel gesprochen, die mir gesagt haben – und ich zitiere hier nur, ich gebe hier nicht meine persönliche Einschätzung oder die von „Kirche in Not“ wider – aber mir haben mehrere Juden gesagt: „Unsere neue Regierung ist rassistisch“. Und wenn das so gesehen wird, ist das bedrückend.
„Kirche in Not“ ist da, um zu helfen – ganz gleich in welcher „Bedrückung“ sich die Christen befinden. Welche Projekte haben Sie im Heiligen Land auf Ihrer Reise besucht?
Wir haben einige Bauprojekte im Norden Israels, in Galiläa, besucht. Zum Beispiel unterstützen wir den Bau eines Pastoralzentrums für die maronitische Kirche. Für die melkitische Kirche unterstützen wir in einigen Dörfern den Bau von Pfarrsälen. Das ist den Menschen dort sehr wichtig.Es gehört zu ihrer Mentalität, sich in Pfarrsälen zu versammeln und dort Taufen, Kommunion, Hochzeiten und auch Beerdigungen abzuhalten. Das merkt man auch daran, dass die Menschen in diese Pfarrsäle viel Arbeit und Geld investieren.
Wir haben auch einige Projekte, in denen wir Studenten der Theologie und Priesteramtskandidaten mit Stipendien unter die Arme greifen. Auch in der Westbank helfen wir beim Wiederaufbau und bei der Renovierung von Kirchen und Klöstern. Nicht zuletzt helfen wir der Universitäts-Bibliothek in Bethlehem bei der Anschaffung neuer Bücher. Außerdem unterstützen wir die Christen in Bethlehem, sich mithilfe von Olivenholz-Produkten selbstständig zu machen. Dafür sind die Menschen dankbar und durch diese Hilfe zur Selbsthilfe konnten wir viele Christen zum Bleiben überzeugen, die sonst ausgewandert wären.
Was können wir hier in Belgien tun, um die Papstreise so zu begleiten, dass sie auch den Menschen vor Ort eine Besserung ihrer Lage bringt?
Vor allem unser Gebet wünschen sich die Christen im Heiligen Land. Das haben wir überall gehört und auch der Patriarch hat uns vor unserer Abreise noch gesagt: „Ich habe alle Klöster im Heiligen Land um das Gebet für die Papstreise ersucht, damit sie ein Schritt nach vorne für die Christen sein wird.“ Dem stimme ich zu und sage: Gebet ist das allerwichtigste, das wir aus der Ferne beisteuern können.
Und wer ins Heilige Land reist, der sollte darauf achten, dass er nicht nur die Heiligen Stätten besucht. Man sollte unbedingt auch die „lebendigen Steine“ besuchen. Denn die Menschen dort sind so froh, wenn sie merken, dass andere Christen Anteil nehmen an ihrem Leid und an ihrem Glück. Denn trotz aller Widrigkeiten: Das sind alles sehr lebendige Gemeinden!