19/01/2010
KIRCHE IN NOT leistet weitere Soforthilfe in Höhe von US-Dollar 100.000,-
Interview mit der Lateinamerika-Referent von „Kirche in Not“
Was kann KIN für Haiti tun?
XL: Pater Werenfried – der Gründer von KIN – hat Zeit seines Lebens deutlich gemacht, wie die Kirche leidet; dass sie in Ländern, die von Diktaturen regiert werden, zu ersticken droht; dass sie dort Bedrohungen ausgesetzt ist, wo Religionsfreiheit mit Füßen getreten wird; dass sie gezwungen wird, zu schweigen. Kirche in Not hilft deshalb stets auf drei Weisen: Wir rufen zum Gebet für die notleidende Kirche auf. Wir informieren über die Lage der Kirche. Und wir leisten finanzielle Hilfe. All das tun wir jetzt auch für Haiti. Sehr wahrscheinlich werden wir Haiti in den kommenden Wochen besuchen, um vor Ort die konkreten Bedürfnisse kennen zu lernen. Über die Apostolische Nuntiatur haben wir bereits eine Soforthilfe von 170.000 Dollar geleistet. Der Nuntius wird diesen Betrag unter Priestern und Schwestern verteilen, die die Not der leidenden Bevölkerung zu lindern suchen.
Welche Projekte hat KIN bisher in Haiti unterstützt?
XL: Wir helfen seit 1969. Allein in den letzten drei Jahren wurden Mittel in Höhe von mehr als zwei Millionen Euro zugesagt. Wir legen besonderen Wert auf die Ausbildung von Katecheten und Seminaristen, unterstützen den Lebensunterhalt von Priestern und finanzieren die Mittel, die sie für ihre Arbeit tagtäglich brauchen, zum Beispiel den Druck von Lehrmaterial oder Fahrzeuge. Wir haben zudem 1.500 Mess-Stipendien, die die Bischöfe unter den Priestern verteilen, finanziert. Jedes einzelne entspricht in etwa dem Betrag von acht Euro, was nicht viel ist, vielen Seelsorgern aber den Lebensunterhalt sichert. Seit vielen Jahren finanzieren unsere Wohltäter auch die Ausstattung, die Seminaristen nach ihrer Weihe benötige.
Zudem sind in den letzten Jahren zahlreiche Kapellen gebaut oder renoviert worden.
Nach dem verheerenden Erdbeben werden wir unsere Hilfe verstärken. Ein Projekt wird der Stromsicherung gelten, unter anderem für die Radiostationen der Diözesen. Da die elektrische Infrastruktur extrem unzureichend ist, haben wir entschieden, zusammen mit anderen Hilfsorganisationen den Versand eines elektrischen Mischsystems von Generatoren und Solarzellen zu finanzieren. Für dieses Projekt haben wir 100.000 Euro zugesagt. Für den Wiederaufbau des Landes sind solche Maßnahmen unverzichtbar.
Sie sind in Haiti gewesen. Wie ist dieses Land?
XL: Rund 95 Prozent der Haitianer stammen von afrikanischen Sklaven ab, die restlichen sind Nachkommen von Franzosen und Afrikanern oder Arabern, die wegen Handelsgeschäften auf die Insel kamen. Das Land hat 8.200.000 Einwohner und ist – statistisch gesehen – eines der am dichtesten besiedelten Länder der Welt.
Mehr als eine Millionen Haitianer sind auf der Suche nach einem besseren Leben ins Ausland gegangen, die meisten in die Vereinigten Staaten, Frankreich und Kanada. Während man in Kuba sagt, dass angesichts des nahen Endes der Castro-Ära „die Hoffnung vor der Tür steht“, fragen sich auf Haiti viele, ob irgendwann die Hoffnung irgendwann überhaupt aufkeimt wird. Die wirtschaftliche Lage ist katastrophal. Menschen leben vom Kleinhandel, etwa dem Verkauf von Benzin auf dem Schwarzmarkt, von Obst und Gemüse, das sie selbst anbauen, von Rohrzucker, von gebrauchten Schuhen, Mango, Wasser, Fahrradreifen und überhaupt allem, was man sich nur vorstellen kann. Die Promiskuität ist allgegenwärtig. Illegale Abtreibungen sind gang und gäbe. Die Zahl der Kinder ist hoch. Kaum eine Familie hat weniger als sieben.
Wieso werden die Ärmsten von Naturkatastrophen besonders hart getroffen?
XL: Haitis Geschichte wird immer wieder genannt, wenn es darum geht, eine Erklärung dafür zu finden, warum keine Strategien entwickelt werden, um den Lebensstandard zu heben und eine gerechtere Demokratie anzustreben
Die Sklaverei gehört zwar der Vergangenheit an und ist doch auch gegenwärtig. Haiti leidet – wie andere lateinamerikanische Länder – unter einer Scheindemokratie, nordamerikanischer Kolonisierung und französischem Einfluss. Haiti ist das ärmste Land der westlichen Hemisphäre und zählt zu den 30 ärmsten Ländern der Welt. Drei Viertel der Bevölkerung gelten als absolut arm. Die Infrastruktur in den Städten ist völlig verwahrlost. Das betrifft Strassen, Strom, Trink- und Abwasser.
Die Umweltbedingungen sind katastrophal. Besonders schädlich ist die Waldrodung, die verheerende Auswirkungen auf die Landwirtschaft hat. Holz dient als Brennmaterial, der Verkauf sichert Einnahmen. Es gibt praktisch im ganzen Land keinen Strom. Die Leute leben vom Tageslicht, und nur diejenigen, die über Generatoren, Diesel-Generatorenanlagen oder Solarzellen verfügen, haben Strom. Aus diesem Grund sieht man auch nirgends im Land eine Verkehrsampel.
Leider sind die Beziehungen zur Dominikanischen Republik nicht so gut. Die Grenze zwischen beiden Ländern ist wie eine Mauer: Kultur und Sprache machen aus ihnen zwei gänzlich verschiedene Welten. Gewalt ist an der Tagesordnung: fast tagtäglich hört man Nachrichten über Morde und Angriffe auf Autobusse. Und all diese Faktoren tragen dazu bei, im Falle von Naturkatastrophen die Lage noch zu verschlimmern.
Wie beurteilen Sie die jetzige Lage Haitis?
XL: Humanitäre Hilfe wird kommen und ist bereits da. Man wird Leben retten, Kranke heilen und die Toten begraben. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass Haiti überwiegend katholisch ist. Die Gläubigen brauchen Hirten, brauchen Priester, die die Gemeinden begleiten. Katholisch und gläubig zu sein, ist in Haiti wichtiger als vieles andere. Die Erzdiözese Port-au-Prince mit fast 3 Millionen Einwohnern braucht Seelsorger. Leider haben viele Priester und Ordensschwestern ihr Leben verloren, weshalb auch die Kirche ganz unmittelbar von der Katastrophe betroffen ist. In der Erzdiözese gibt es rund 300 Diözesan– und Ordenspriester.
Und noch eins: Die Erzdiözese Port-au-Prince hat 80 Pfarreien, und jede von ihnen verfügt wiederum über etwa 4 Kapellen: das sind insgesamt 320 Kapellen! Da das Erdbeben praktisch alles zerstört hat, müssen wir davon ausgehen, dass auch der größte Teil der Kapellen in Trümmern liegt.
Unser Werk wird Priester unterstützen, die die Gläubigen begleiten und trösten, die ihre Verwandten verloren haben. Dazu brauchen sie auch intakte Kirchen und Kapellen. Wir reden hier vom Wiederaufbau von rund 150 Gotteshäusern, für die wir um Spenden bitten, von der Unterstützung von Hunderten von Priestern und Schwestern ganz zu schweigen.
Welche Projekte unterstützt KIN in Lateinamerika generell?
XL: „Kirche in Not“ verspricht Hilfe und sammelt Spenden im Vertrauen auf Gott. Unsere Wohltäter – es sind Zigtausende weltweit – vertrauen uns großzügig Geldbeträge an, die nicht unbedingt groß sind. Dieses System hat der Gründer unseres Hilfswerkes gewollt: Hilfe zu versprechen ohne bereits über die Mittel zu verfügen.
Die Wohltäter erfahren, wo die Kirche Not leidet. Immer ist es zu wenig, weil die Nöte groß sind. Unser Hilfswerk wirbt folglich stets um neue Spender, die diese Mission mittragen.
KIN
Bitte helfen Sie mit Ihrem Gebet und Ihrer Spende!
Einer Spende für humanitäre Projekte in Haiti unter der Kontonummer unserer Schwesterorganisation „Hilfe und Hoffnung“:
KBC 417-6010001-48 IBAN: BE11 4176 0100 0148 en BIC: KREDBEBB (Die Spender, die im Laufe eines Jahres € 30,00 oder mehr eingezahlt haben, erhalten im darauffolgenden Jahr automatisch eine Spendenbescheinigung.) Mitteilung: Erdbeben HAITI