08/02/2010 Obwohl es in Äthiopien kaum Katholiken gibt, ist die Kirche doch
präsent
Äthiopien ist ein Land mit materieller Armut, aber auch
unermesslichen kulturellen Reichtums. Einst Geburtsstätte und über
Jahrhunderte Schauplatz einer Hochkultur, lähmen den mehr als eine
Million Quadratkilometer großen Staat seit Jahrzehnten politische
Konflikte, die die Kontrahenten immer wieder mit Gewalt zu lösen
suchten.
Die Folgen: Das stark landwirtschaftlich geprägte Land ist nur mäßig
entwickelt und wurde mehrfach von Hungersnöten heimgesucht. Rund die
Hälfte der 85 Millionen Einwohner gilt heute als unterernährt.
Hoch ist zudem die Zahl der Analphabeten. In der Altersgruppe bis 24
Jahre liegt sie Schätzungen zufolge bei rund 49 Prozent.
Etwa zwei Drittel der Äthiopier sind Christen, die sich überwiegend
zur äthiopisch-orthodoxen Kirche bekennen. Den verschiedenen
protestantischen Kirchen gehören rund 20 Prozent an, der katholischen
Kirche weniger als ein Prozent; rund ein Drittel der Bevölkerung sind
Muslime.
Obwohl die katholische Kirche statistisch gesehen bedeutungslos ist,
trägt sie doch wesentlich zur Entwicklung des Landes bei. Hauptfelder
des kirchlich-sozialen Engagements in dem häufig von Dürren,
Missernten und Hungersnöten gebeutelten Land sind das Gesundheits-
und Erziehungswesen sowie die Wassergewinnung.
In der äthiopischen Diözese Emdibir mit nur 0,7 Prozent Katholiken
trägt die Kirche 90 Prozent der sozialen Arbeit. Darauf hat der
Bischof von Emdibir, Abune Musie, im Gespräch mit KIRCHE IN NOT
hingewiesen. Seit Jahren unterstützen wir zahlreiche kirchliche
Initiativen im Land. Abune Musie, der dem Kapuzinerorden angehört,
leitet das südwestlich der Hauptstadt Addis Abeba im Hochland von
Äthiopien gelegene Bistum seit seiner Gründung im Jahr 2003.
Auch Abraham Desta, Bischof von Meki, einer der Nachbardiözesen im
Süden Äthiopiens, sieht die soziale Verantwortung der Kirche, die mit
ihren pastoralen Aufgaben eng verknüpft ist. Schwerpunkte sind
Bildung, Gesundheitsversorgung, landwirtschaftliche Entwicklung.
Äthiopien ist extrem jung: 46 Prozent der Äthiopier sind jünger als
14 Jahre alt. Für die Entwicklung des Landes ist die Ausbildung der
nächsten Generation daher entscheidend. Neben der Vermittlung von
Allgemein- und Fachwissen kommt es dabei darauf an, soziale
Verantwortung zu fördern und ethnische Gegensätze zu überwinden.
Die Ausbildung von Katecheten ist den Bischöfen sehr wichtig.
In der Seelsorge ist für die Kirche die Arbeit von Katecheten
unverzichtbar. Ihrer Ausbildung kommt nach den Worten der Bischöfe
eine besondere Bedeutung zu. Nur wenig trennt nach Ansicht der
Bischöfe die katholische und die orthodoxe Kirche, die sich in
Äthiopien auf eine zweitausendjährige Tradition berufen können. Wegen
der ethnischen und sozialen Spannungen im Land ist die Arbeit der
Kirchen wichtig für die Versöhnung.
Die katholische Kirche in Äthiopien hat zwei liturgische Traditionen:
nördlich der Hauptstadt Addis Abeba ist der “Ge’ez-Ritus” üblich, den
auch die äthiopisch-orthodoxe Kirche pflegt; südlich davon feiern die
Menschen den lateinischen Ritus in der jeweils gebräuchlichen
Stammessprache.
Mit Sorge betrachten die Bischöfe die zunehmende Organisation
politischer Parteien nach ethnischer Zugehörigkeit. Problematisch sei
auch die Zunahme evangelikaler Gruppen, die massive Unterstützung aus
den USA erhielten, deren aggressive Evangelisierung aber nicht zu
einem friedlichen Miteinander der Religionen beitrage.